Satt 
29.12.22, 13:27
Geposted von Kerstin Seidel

SATT



Heut sind sie wieder
auf dem Weg zum Essen,
der Schreier und der Fette
und die kleine Alte,
sie fragen Nicht von Wem
und Wessen
Hand es ist, die ihnen gibt,
sie stolpern fremd ins Kalte

Dort warten Sie auf Brot und Butter,
der Schreier und der Fette
und die kleine Alte,
dann kommt ein Mensch,
bringt Wärme, Seelenfutter und
sie glauben ohne es zu sehen,
der Mensch geht weiter, hinaus
ins stumme Kalte,
wo Mensch auf Liebe wartet,
ohne es zu verstehen
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Lass los / Krieg ist zu Ende  
27.12.22, 09:30
Geposted von Kerstin Seidel

LASS LOS



Heb deine Hände zum Himmel,
der Krieg ist zu Ende,
es ist Jahre danach,
die Brücke ist wieder tragfähig
und will überquert werden,
eure Körper sind noch nicht frei von Kratern,
in den Köpfen stecken noch Patronen und Pfeile,
zu entschärfen sind die Wortminen, Satzsplitter,
über Allen thront der Gekreuzigte,
wie wir von Geburt an todgeweiht,
Zeit, sich zu befreien,
springt ins Wasser, kopfüber,
der Fluss tauft euch frei,
im Strom versinken Munition,
geweihte Wasser, alles ist gerade und geregelt,
alles ist neu, wer entballt seine Faust,
wer öffnet seine Finger,
der Krieg ist zu Ende, lass los
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Heilig Abend  
25.12.22, 10:14
Geposted von Kerstin Seidel

Heilig Abend



Ich draußen, auf Straßen,
die sich ins Endlose verlaufen
und drinnen dröhnen die Chorgesänge,
ich finde die Kirchmauer,
Kälte kriecht in meine Knochen,
Sehnsucht, die Selbstmord macht
auf der ganz und gar
von Eis und Schnee befreiten Freitreppe,

und ich lese in der Akte Jesus,
(aus einer Tasche des Gläubigen
auf den Gehweg gefallen)
ich blättere nach Begriffen
an die Wand zu malen

und wie ich innehalte
– was machen Sie da? – ,

sind es offenbar fluoreszierende Viren,
wegelagernde Warnlichter,
feurig fiebernd, sacht summend,
phantasierend, blutrot

eine Wolke weißlich glühender Wortwürmer,
die sich unendlich langsam verkriechen
in die Dunkelheit
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Nebel  
23.12.22, 18:53
Geposted von Kerstin Seidel

NEBEL



Mein Deich schwindet
nebelgrau , weggewischt
seine Spur im Spiegel der Elbe
tanzen Elfen - Schätze am Ufer verborgen
im Schilf schlafen Schatten,
das Dunkel dehnt sich horizontal zur Zeit,
das Nein hinausgeflüstert,
mein Land verschwunden
in den Nebeln dezemberstill nur
die Autowellen auf der Straße
brechen scheinwerfergrell
das Schwarz auf Nebelpfoten
schwindet die Stadt,
und die Stille baut sich
ein Haus aus Licht
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Tauwetter  
18.12.22, 12:04
Geposted von Kerstin Seidel

TAUWETTER



Ich will mich schmecken,
will etwas, das anders klingt,
spricht, Worte zerlegt in zarte Zeichen,
zwanglos, zwischenmenschliche Begriffsbestäubung,
ein vom Verstand bebrütetes Geheimnis gelüftet,
Wandlung zum diagonalen Denken,
längs liegt mein Mund,
Membran küsst Metapher,
wie Schnee von gestern
taut ein Ton und auf der Zunge
liegt das Ja
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Zu Besuch  
17.12.22, 12:00
Geposted von Kerstin Seidel

ZU BESUCH



Eine Kerzenstunde,
angewöhnte Wärme
jede erleuchtete Ecke
ein Herrgottswinkel

Ich habe Winterdienst
aus meinem Staubleib
draußen der Himmel
gebiert Sterne mit

augenbetäubendem Glanz-
Lichter habe ich
zu bergen aus dieser
strahlend weißen Finsternis
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Lauschen  
14.12.22, 09:37
Geposted von Kerstin Seidel

LAUSCHEN



Computer werfen Online-Netze
bilden Meinung, auch mit Hetze
füttern unseren Verstand
mit Sand

Das Fernsehen kreischt uns an:
das musst du haben, schau was es kann,
genug kann niemals reichen,
setz ein Zeichen

Konserven- Klänge, Info-Flut,
Livegeplänkel, getunte Wut,
das echte Leben in bunten Bildern
nur viel, viel milder

Als ginge es nicht mehr ohne Sie,
glotzen wir, das Medienvieh,
das weiß so viel,
versteht es nie

Der Wind flüstert mir- vom
Meeresrauschen, blauen Riff,
von Badenden, vom stolzen Schiff,
Ich will nur lauschen
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Krieg 
3.12.22, 20:49
Geposted von Kerstin Seidel

KRIEG



Wenn sich die Gierigen
mit den Geistlosen verbinden
zieht das Hirn den Stecker
und vernetzt sich drahtlos
mit dem Lautsprecher der Leere
lärmt jetzt brutal in verschiedenen Leuten
donnern Parolen bis zur Verblödung
wie ein weißes Rauschen auf der Netzhaut
ziept Zornesröte im Osten
irgendwo hält ein Volk den Hals hin,
Mitläufer heulen den Mond an,
ballen den Blick zur Faust,
im Krieg herrscht die Taubheit im Takt
der Stiefel tritt die Geschichte
ihre Spuren in den Dreck, Kopf hoch
am Ende kriegt keiner was
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Sprachlos  
3.12.22, 10:13
Geposted von Kerstin Seidel

SPRACHLOS



von den Wänden weggesprengt,
die Menetekel der Missionare,

Zuversicht zieht wieder auf,
eifrig renkt das Land sich ein

Mut, lass uns das noch einmal
übersetzen in ein anderes Leben,

Lektionen rückwärts aufsagen
gegen das Vergessen führen wir Listen

Namen, es gibt eine Begründung für alles,
die ich nicht kenne nur Gott

wohnt im Beichtstuhl und vergibt
die Sprache schont das Hirn

Worte fallen wie faulende Früchte,
formlose Fragen nach Sinn

macht Frisches aus den Köpfen,
aber Kinder spielen unbeachtet im Sand
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Leere 
3.12.22, 09:26
Geposted von Kerstin Seidel

LEERE



Sie musterte die Menschen
bis das Lächeln aus ihren Lippen kroch,
alles war knapp, eine Leere aus Lärm
wurzelnd in einer Welt aus Luft,
dort lebten all ihre Kinder,
gingen auf vertrockneten Wegen
zur Quelle der Angst, die sich ausbreitete
im Zweifel zwischen den Steinen
saß eine zerbrechliche Alte
und hütete ihr Herz,
der dramatisch dunkelnde Himmel
hatte gerötete Augen aus Samt
und flehte nach Farben,
aber schwarzes Schweigen
erhob sich und umarmte
eine Wüste aus Worten
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