16.4.22, 20:38
Geposted von Kerstin Seidel

TRÄUME



Die Weisen der Welt
leben bei YouTube und
sprechen in Untertiteln,
Gedanken kreisen ordentlich
gefaltet wie Papierflieger
ziehen die Luft enger
um meine Schultern und
du suchst nach mir
in deinen kopfkissengroßen Manteltaschen
sammle ich meinen Rest Verstand
Spucke Worte in deine aufgehaltene Hand,
tausend ausgehöhlte Blüten
aus denen tropft Farbe
die Hand fährt darüber und
blutet das Blau der traurigen Buchstaben,
im Brustkorb Daunen
die Beine aus Blech,
ich möchte mich anfassen,
mir was hinstellen, das morgens
und abends goodbye sagt
und Stoff gibt für Träume
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Traumtänzer  
12.4.22, 08:56
Geposted von Kerstin Seidel

TRAUMTÄNZER



Bewimperte, verschalte Linse liegt
fokuslos beschützt vor Verblendung,
ganz weich im Augenweiß so brach
so nach innen gedreht, weggewendet von Welt,
so wimperngeschlagen der Blick
ist filigranverhäutet fast schon
transparent bespannt mit Licht
und weit das Weiß im Traum
ist nichts, das bleibt, keine Grenze,
kein Hartes, das vorgibt Rand zu sein,
hinüber rollt die kleine schwarze Kugel,
Puppillenpunkte
am Ende des Schlafes, ballrundes
Ballett sind wir beinahe Tänzer
im eigenen Traum
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Frieden  
9.4.22, 10:50
Geposted von Kerstin Seidel

FRIEDEN



Rohmaterial, unbearbeitete Massen-
Menschen brauchbar gemacht und
halbiert vom ersten Krieg gegen
sich selbst verloren
die richtigen Worte als Gebet
bleibt das Grauen der Geschütze aufgestellt,
abgefeuert, abgenutzte
Versprechungen betäuben das Bewusstsein
wie grelle Blitze und Donner dröhnen
hinter der Netzhaut bricht das Licht,
ein Trostpflaster bleibt
das Wort, das die Zeit krümmt
zu deinen Gunsten heißt
FRIEDEN
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Wann?  
27.3.22, 11:32
Geposted von Kerstin Seidel

WANN?



Stacheldraht begrenzt das Heim,
fürchte menschliches Versagen,
Wohlstandslärm, lautes Klagen
sprießen aus der Dummheit Keim

Schwarz geblendet gehn Sie blind,
betteln böse Bittgebete,
Säen Hass in jeder Rede,
scheinen mehr, als dass Sie sind

Dumpfe Blicke hirnzerschossen,
Faust zuckt zornig in der Tasche
verwandelt jedes Grün zu Asche,
Mund und Herz so fest verschlossen

Wann singen wir uns Liebeslieder ?
Wie finden wir den Frieden wieder?
Stummgeschlagenes Menschenkind

schwarz benebelt schleichst du blind,
Schritte wirbeln müden Staub,
bitte bleib nicht blind und taub
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Lieblingsorte  
20.3.22, 09:34
Geposted von Kerstin Seidel

Lieblingsorte



Die Mahner mahnen pausenlos
ein Elend jagt das Nächste
mit Wut im Bauch und Bitternis
mit Rat und Tat zum Todestoß

Berieseln Sie in Bild und Wort,
der Woweffekt das Höchste,
Wichtigkeit wird Fliegenschiss
das Jammertal zum Lieblingsort

wo Weise sich gern tummeln
und Kluge klüger scheißen weit
hinein ins Leben andrer Leute
ihre Bosheit täglich schummeln,

Danke nein, ich nehm nicht teil
gönne mir die Frühlingszeit
in vollen Zügen und bleib
unbelehrt und heil
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Für Uwe: Bruder 
12.3.22, 19:55
Geposted von Kerstin Seidel

Für Uwe:
Bruder



Mit dir stirbt mein Name aus,
nie mehr mit dir Radio hören,
die Beatles, Another Brick in the Wall,
Phil Collins, offenes Fenster
und die Lautsprecher volle Beschallung der Straße,
Nachbarn protestieren,
Rebell, Vorbild, Vaterfigur
du hoch oben auf den Sockel gestellt
dich beobachten in der Werkstatt
beim Motorschrauben, du in der Grube,
tief unten, danach schwarze Ölhände,
reich sie mir,
dein Zimmer, sicherer Ort hinter deinem Rücken
an deinen roten Pullover gekuschelt,
Geborgen zwischen Beatlesplakat
und Zigarettenkippen,
es gibt Beweisfotos,
du hast mich mal geliebt
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Unbewaffnete 
5.3.22, 16:38
Geposted von Kerstin Seidel

UNBEWAFFNETE



Wochenlanger Regen
schwemmt alle in sich zurück
Löwenzahn und Zweifel wachsen
wütend kreischen Möwen ihren Stachelgesang und
vor dem Haus wetzt der Mut
dem Verzweifelten ein Messer,
mein Atem wiegt das pulsierende Gras,
grünes Blut pocht über den Platz,
im Beet blühen Narzissen,
ich spüre ihre Dornen im Fleisch,
Niemalsdorn, Niemandsland,
Narzissen sind unbewaffnet
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Frieden  
5.3.22, 08:49
Geposted von Kerstin Seidel

FRIEDEN


Unter dem Holzhauspark fließt
ein Fluss aus Gold und alle Schatten
kehren zu ihrem Ursprung zurück,
dein Bart treibt aus den kalten Gräsern
im Morgentau fühle ich
meine Haare wachsen
aus dem Holunderhut,
aus der Erlenjacke,
auf meiner Birkenhaut
glitzert erstes Grün,
die Wiese kommt langsam zu mir
und ruht sich aus, am Deich
steht die Elbe still,
ich will sagen, der Fluss
verrinnt und die Vögel
verharren im Flug
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Betende  
27.2.22, 17:50
Geposted von Kerstin Seidel

BETENDE



Wenn Angst wächst innen,
sehe ich was ich selbst bin.
Mein Herz schlägt Wurzeln
in die Dunkelheit
trägt das Schweigen im Bauch,
gebiert Sterne und
bringt sie von einem Nest ins andere.

Ich bin durch die Klauen
der Sprache gerutscht,
rolle mich unter den Rand der Rache,
versuche zu schlafen
unter einem riesigen Himmel.

Aber die Worte, die ich liebe
lassen sich sagen
mit der Stimme des Bettlers,
mit der Stimme von einer,
die über kahler Erde
die Hand aufhält und wartet.
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Im Keller- Frieden  
26.2.22, 09:23
Geposted von Kerstin Seidel

Im Keller



schwebt das kalte Fallbeil
bombenbumm aus mit dem Frieden -
Angst zeichnet die Wand ab
hinter der ich sitze,
draußen verfällt Regen
zu messbarem Segen,
Götter und Sirenen höre ich,
obwohl die Entfernung
mich lauthals selig spricht,
flüstert der Tod, „ich krümme
Euren aufrechten Gang,
kehre Euer Herz nach außen,
flieht, flieht,
ich verschone niemand“,
niemand,
der es nicht verdient,
geborgen zu sein
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