ZEIT  
15.9.20, 19:23
Geposted von Kerstin Seidel

ZEIT



Fenster
sind geöffnet
der Blick des Lichts durchdringt
die Dunkelheit verschwimmt
hinter geborgenen Stimmen
atmen die Mauern leise im
Herzschlag der Himmel wiegen
sich Sterne an Fäden treibende
fliehende Steine bis nah
an die Sonne sinkt rot
am Horizont biegen sich Bäume,
Gräser werden geweht, Sand kommt
entgegen diese Wände warten
zwischen Staub und Schatten
wohnt eine Frau in flammendem
Fieber liegt der See glänzt tief
und unaufhaltsam heilt die Zeit
Wunden
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MÜDE  
6.9.20, 14:09
Geposted von Kerstin Seidel
MÜDE

die Welt klebt
an den Fersen
zerzauster Blick
haftet am Licht
dimmt die Fenster
blind vor Liebe
die Frau vertanzt
den Tag müde
hinter Mauern
fallen Worte
verausgabt im Kampf
mit sich selbst


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DUFT  
5.9.20, 09:32
Geposted von Kerstin Seidel

DUFT



Ich bin verliebt
in eine Rose,
in ihre zehn schläfrigen Augenlider
unter denen der Blick duftet,
Nuancen von Duft

So beginne ich wieder
mich selbst zu finden,
alle empfindlichen Flächen,
Oberhaut, Haut, Zellen,
Sommer und
der gewaltige Winter des Todes,
In mir,
ein sehender Duft
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WUNDER  
5.9.20, 09:14
Geposted von Kerstin Seidel

WUNDER



Heute erhebt sich
in diesem Wirbel von Unbeständigkeit,
in diesem Windmeer von
Uferlosem, ein Wunder,
eine Insel

Ich glaube daran, schaue hin, glaube
nicht an Statisches,
das scheint nur so,
glaube nicht an Gegenständliches
ist nur Gestalt gewordene Bewegung

Glaube nicht an Stillstand, an diesen Raum,
dieser Augenblick ist flüchtig,
ist fremde Klarheit,
ein Beinahe-Ist,
der Stuhl, von dem ich aufstehe,
das Wort, das ich spreche
wird angenommen und abgelegt

Ich glaube an diese Hände stark
auf den Schultern und
diese Lippen zart
auf der Stirn und
diesen Menschen fest
an meiner Seite

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Amseln  
27.8.20, 22:09
Geposted von Kerstin Seidel

Amseln



wachsen wie Sommerfrüchte
und Mistelzweige nisten
tief im Astgewöll
dieser Ton reckt sich
der nackte Walnuss
stamm als das Spiegelbild eines Vogels
jetzt Schatten wirft
auf das Papier wickelst
du dich in das leichte Laken
vom Wind und Wunder
singt die Amsel und
fliegt von einer
Krone zur andern


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Dämmeroasen 
15.8.20, 08:27
Geposted von Kerstin Seidel

Dämmeroasen



vom Deich gepflückte
Daliwolken rotblau
wie unser Teppich
in voller Größe entrollte
Umarmung der Farben
flanieren im Sommerzwitschern
umhüllt von geliehenen Ohren,
Armen, Sehnen, meinem
und deinem Lauschen nach
Luft und Licht uralte Formeln
im Einklang erwachender Tage


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WIE? 
13.8.20, 19:31
Geposted von Kerstin Seidel

WIE?



Manchmal gelingt es mir
mich zu verwandeln
in das Rascheln der Blätter
im Kastanienbaum hinter dem Haus,
in die Wärme, die auf den verwitterten
Holzwänden des Schuppens liegt,
in das grüne Licht, das im Wasser schwebt
zwischen den Planken,
in das Schweigen des Sees am Vormittag,

aber wie kann ich dich mitnehmen
dorthin


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Längs des Feldrandes 
10.8.20, 20:58
Geposted von Kerstin Seidel

Längs des Feldrandes



gingst du mir direkt ins Herz
flossen Lilien zusammen,
wogte Weizen und
wurde der Abend klar,
auf einen Punkt, weniger Worte
aber nie sind wir stumm nach
nirgendwo eine so weite Reise,
dass wir nie mehr aufbrechen müssen,
die Augen zeichnen ein Haus,
nicht das Abbild eines Hauses,
die Füße formen einen Weg,
nicht die Vorstellung eines Weges
und den ganzen langsamen Tag
murmelt es Scheitel
in die Haare des Ackers


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EWIG  
9.8.20, 21:45
Geposted von Kerstin Seidel

EWIG



Wir gehen am Ufer entlang
du schwimmst und
ich rufe die Sterne und Engel herbei
in deinen Haaren wohnen die Wellen
kräuseln deine Nase unter Wasser
sprichst du nie, blickst tangbedeckt
aus dem Nass, ich
am Ufer träge suchend
Treibholz, Muscheln höre ich
das Meer rauschen in mir wachsen
Kiemen atmet blaue
Hoffnung, währenddessen
bist du hinab getaucht, suchst
Perlen, Korallen, Schätze
unter der Oberfläche nimmt
dieses schäumende Meer
das Morgen im Strudel
stillt sich die Zeit
bleibt stehen


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GLUTHITZE  
8.8.20, 21:32
Geposted von Kerstin Seidel

GLUTHITZE



Die Bäume haben aufgehört
zu schwitzen, leicht
knusprig und braun die Blätter,
Menschen laufen raschelnd
durcheinander die Autos heiß
und hart füllen die Straßen zum See
auf dem Deich schleudert
ein Windstoß Stimmengewirr
durch die Luft flirrt feurig und
flach atmet der Fluß ist nicht feucht,
getrocknete Wasserfarbe, windstille
Segel im Sonnenuntergang glühen
gelbe Lampen wie Schmelzöfen
und werfen Funken in die Fenster


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