Abfahrt 
6.12.17, 21:18
Geposted von Kerstin Seidel

ABFAHRT



Neuallermöhe-West,
die verblockten Häuserfronten
im Krieg, die Türen vernagelt
die Kinder auf der Flucht
vor der Welt bis zum Bahnhof
nach Hamburg ganztags arbeiten
gehen die Mütter mit Vanilleduft,
in schwarzer Strumpfhose blickdicht
wie die Nacht aus Granulat,
das knirscht zwischen
zusammen gebissenen Zähnen
das Lachen der Männer
über gefallene Biografien bis
zur nächsten Polizeikontrolle
halten sie zusammen

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Hell sehen 
6.12.17, 21:15
Geposted von Kerstin Seidel

HELL SEHEN



Manchmal sehe ich dein Denken,
das den Himmel löscht
mit weißer Hitze
meine Schattenseite mir hellt –
dass ich sie werfen kann
hinter das Licht

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Aufbruch 
6.12.17, 21:12
Geposted von Kerstin Seidel

AUFBRUCH



Ich packe all meinen Mut
zusammen und das Nötigste
und mache Listen
was ich noch erleben muss
dann gehe ich zum Bahnhof
vergewissere mich
dass die Züge noch fahren und
beobachte alle, die tatsächlich
wegfahren ich suche
nach bekannten Ankunftsorten
und wenn ich zurück komme,
weiß ich nicht wo ich hin wollte

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Weihnachtsmarkt 
6.12.17, 21:09
Geposted von Kerstin Seidel

WEIHNACHTSMARKT



Im Schatten der Betrunkenen
auf den Straßen eisiger
Abend mit dem Glitzern
im Auge, die Mammonjäger
eilige Schritte im Takt
aus dem Lautsprecher tönt,
„Last Christmas“ zaubert
Lächeln, Massenmimik
im Getümmel das Klingeln
der Kassen erbeutete Trophäen,
neben dem Karussell steht
die Sprachlosigkeit der Väter,
ihre Speere sind sternförmig
ein Surren von Sehnsucht
ist über dem Markt fallen
die Feinde ein, Mütter
kaufen sich glücklich

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HERBST 4 - Sehnsucht 
25.10.17, 16:16
Geposted von Kerstin Seidel
SEHNSUCHT

HERBST 4 - Sehnsucht



Wie eine Schnecke
nackt und unbehaust
den Regen sehnt
als würden salzig
Spuren bleiben
im Kopf im Bauch und
weit und breit
als gäbe Herbst
mir das Gefühl,
im Feld liegt
letztgeerntet Mais
und wartet wo ich sehne
und doch weiß
dass Sehnsucht
keinen braucht
als mich.

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Herbst 3 
24.10.17, 21:09
Geposted von Kerstin Seidel

HERBST 3 - Herbstblues



Unter meinen Füßen
liegt reglos, regennass
das müde Pflaster
wag ich nicht anzusprechen
und gehe auf Zehenspitzen
zum Zaun doch die Steine
im Gras knurren wie alte Hunde
den Himmel an, schau
grau die Wolken welken,
ein Blatt überholt mich,
es blutet rot auf den Weg,
ich breche mein Wort in Krümel
verfüttere es an die Raben -
mal wieder viel zu feige, mich
von der Parkbank zu stürzen.

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WEISS 
24.10.17, 20:10
Geposted von Kerstin Seidel

WEISS



Mein Lächeln ist spät dran
dazu hängen kümmerlich
blasse Lampions im Tag
aber heute Abend
gibts keine Tränen mehr
kein schlecht genähter Knopf
fällt von deinem Hemd
deine Hand vorm Mund niesend
spürst du ein leises Kribbeln
gerade zündet jemand eine Wunderkerze
hinter deinen nackten Schultern
mit Farben und Hoffnung und Bildern
und Worten wir wollen wieder etwas
wie vor Monaten etwas Zeitzersetzendes
bitte
kann man denn gar nicht still
hinter geschlossenen Lidern zurück
und ich weiß

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HERBST 1 
24.10.17, 13:19
Geposted von Kerstin Seidel

HERBST 1



Im Abschied
tritt der Sommer
hinter diese Tage
an denen
es besser ist
sich in Schafspelz zu hüllen,
sich Wölfe
vom Hals zu halten.

Nur noch
hin und wieder
die kleinere Hand
ausstrecken und
ein Lächeln riskieren,
wenn der Wind
sich dreht.

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HERBST 2 
24.10.17, 13:17
Geposted von Kerstin Seidel

HERBST 2



Draussen
fallen die Blätter
vom Baum,
drinnen falle ich
aus meiner Rolle,
habe aufgehört
mich dem Leben
entgegen zu stellen
und schreibe mir
Liebesgedichte per Lustpost
ohne rot zu werden
verzichte ich lächelnd
auf das halbe dutzend
Schnappschüsse
am Ende eines
neu gemalten Sommers

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Zum Abschied 
2.10.17, 18:56
Geposted von Kerstin Seidel

ZUM ABSCHIED



Hinter dem Zaun
ein Garten ohne Licht
das Mädchen wartet
und redet mit der Puppe ohne Hand
und Fuß im Haus die Mutter singt
in die Zeit
sie hört auf zu ticken

Zum Abschied
nimmt der Vater die Tür
das ist lieb, denn er könnte auch
was Anderes nehmen,
weil er gehen muss
ohne das Mädchen, das noch redet
mit der Puppe

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